Unter welchem Blick lebe ich?

Unter welchem Blick lebe ich?

Jeder Mensch sehnt sich danach wahrgenommen zu werden. Ehrliche Zuneigung sowie Verbundenheit sind Voraussetzungen, damit wir uns als Menschen gut entwickeln können. Wenn wir spüren, dass wir Verstanden werden, dann beruhigt das unser Inneres.

Wir leiden unter kritischen Blicken von Mitmenschen und unter ihrer Ablehnung. Wenn wir den Eindruck haben, niemand interessiert sich für mich, für niemanden bin ich wichtig, kann das zu negativen Gefühlen, Verhaltensweisen und zu innerer Einsamkeit führen.

Einsamkeit, […] definiert als ‚ungewolltes Alleinsein, das einhergeht mit dem Eindruck des Alleingelassen-worden-Seins und des Sich-Unverstanden-Fühlens ‘, zähle zu den ‚fundamentalen Wunden ‘, die Menschen erführen. 1

Der Blick Jesu heilt. In der eucharistischen Anbetung erfahre ich Verbundenheit. Vor ihm kann ich zur Ruhe kommen und finde meinen inneren Frieden. Wir kennen die Berichte aus den Evangelien, in denen Jesus Menschen begegnet, z. B. die Begegnung mit einem reichen Mann. Im Folgenden zitiere ich aus der Enzyklika Dilexit Nos von Papst Franziskus: 2

»Da sah ihn Jesus an« (Mk 10,21). Kannst du dir diesen Augenblick vorstellen, diese Begegnung zwischen den Augen jenes Mannes und dem Blick Jesu? … er erforscht das Innerste deines Seins, er nimmt alles wahr und weiß, was in dir ist, er legt seinen Blick auf dich. Viele Evangelientexte zeigen uns Jesus, der seine ganze Aufmerksamkeit den Menschen, ihren Sorgen, ihren Leiden widmet. Zum Beispiel: »Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft« (Mt 9,36). Wenn wir den Eindruck haben, dass uns alle ignorieren, dass sich niemand dafür interessiert, was uns geschieht, dass wir für niemanden wichtig sind, dann achtet er auf uns. Genau das zeigte er dem allein … dastehenden Natanaël: »Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen« (Joh 1,48).

Gerade weil er auf uns achtet, ist er in der Lage, jede gute Absicht zu erkennen, jede kleine gute Tat, die du vollbringst. Das Evangelium erzählt: »Er sah aber auch eine arme Witwe, die [in den Opferkasten] zwei kleine Münzen hineinwarf« (Lk 21,2). Sofort machte er seine Apostel darauf aufmerksam. Jesus ist so aufmerksam, dass er das Gute, das er in uns erkennt, bewundert. Als der Hauptmann sich voll Vertrauen an ihn wandte, war Jesus »erstaunt, als er das hörte« (Mt8,10). Wie schön ist es zu wissen, dass Jesus die guten Absichten und die guten Dinge, die wir tun können, nicht entgehen und er sie sogar bewundert, auch wenn andere sie ignorieren.

So wünsche ich uns allen, dass wir in Situationen, in denen wir Ablehnung erfahren, uns an den liebenden Blick Jesu und an Sein Ja zu uns, erinnern. Die Anbetung ist Gelegenheit, diesen liebenden Blick Jesu konkret zu begegnen und ihn für den Alltag einzuüben.

mh

1 Karl Reber, „Entwürfe der Theologie zur Heilung“, Die Tagespost, 10.09.2026, https://www.die-tagespost.de/leben/glaube/entwuerfe-der-theologie-zur-heilung-art-278531, abgerufen am 30.09.2026. Reber gibt darin eine Definition von Katharina Westerhorstmann wieder.

2 Franziskus, Dilexit nos. Enzyklika über die menschliche und göttliche Liebe des Herzens Jesu Christi, 24. Oktober 2024, Nr. 39-40, https://www.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/20241024-enciclica-dilexit-nos.html, abgerufen am 30.09.2026, Hervorhebungen durch den Verfasser

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